Ethnographische Flucht- und Flüchtlingsforschung zu Kinder(er)leben
Der ethnographische Erkenntnisstil wird häufig als «Entdecken» beschrieben. So, wie der Ethnologe Clifford Geertz häufig zitiert wird, ist der Ausgangspunkt einer solchen Forschung die offene Frage: «What the hell is going on?»
Als Forscherin nehme ich teilnehmend beobachtend am Alltag der Kinder teil und lasse mich auf das ein, was mir “im Feld” im Austausch mit ihnen begegnet. Die Ergebnisse meiner Grundlagenarbeiten zielen darauf ab, Veränderungen in der Praxis anzustossen.
Grundlagenforschung (2019-2023)
Warten auf Transfer - Kinder(er)leben im Nicht-Ort Camp
Asylunterkünfte werden in Studien als „ungeeignete“ und „schwerlich sichere“ Orte für Kinder beschrieben, zum Teil auch „kinderfeindlich“ genannt. Wie viele Kinder mit ihren Eltern in der Schweiz in Asylunterkünften untergebracht sind, ist nicht bekannt. Wie lange sie dort bleiben, wie häufig und warum sie die Camps wechseln, wird nicht dokumentiert. Wenn man die Kinder vor Ort fragt, wie es ihnen geht und was ihren Alltag bestimmt, berichten sie von einem Wartezustand in der Isolation, von Langeweile, von Sorgen um ihre Eltern, aber auch von ihren Träumen vom Leben danach.
In der ethnographischen Studie “Warten auf Transfer” wurden 44 Kinder aus 20 Familien während 365 Stunden zwischen 2019 und 2020 in einer kantonalen Asylunterkunft in ihrem Alltag begleitet. Das Buch “Warten auf Transfer” ist 2023 kostenfrei zugänglich online erschienen.
Die Arbeit wurde mit dem Nachwuchspreis der Schweizerischen Gesellschaft für Soziale Arbeit ausgezeichnet.
Laufend
Mitarbeit in Grundlagen- und Praxisforschungsprojekten
Weitere Projekte zum Thema, an denen Clara Bombach als Dozentin an der Berner Fachhochschule mitarbeitet und Expertise zum Kinder(er)leben in Kollektivunterkünften einbringt:
NFP81 Baukultur | Baukultur in the context of forced migration
Begleitevaluation | Schlüsselpersonenangebote frühe Kindheit
Grundlagenforschung (2026-2029)
Nach dem Transfer - Brüche im Asylverfahren und ihre Auswirkungen auf das Aufwachsen begleiteter Kinder in der Schweiz
2024 stammten 41% der Asylgesuche in der Schweiz von Minderjährigen – die meisten davon begleitete Kinder. Die Studie „Warten auf Transfer" zeigte erstmals, wie wiederholte Wohnortswechsel im Asylverfahren den Alltag dieser Kinder prägen: Verlust von Freundschaften, vertrauten Orten und schulischer Kontinuität – oft ohne Begleitung oder Abschied.
Die Folgestudie „Nach dem Transfer" untersucht, wie sich diese Erfahrungen fünf Jahre später auf Leben, Befinden und Entwicklung der betroffenen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auswirken. Sie kombiniert drei Zugänge:
Modul 1: Schweizweite Datenanalyse zu Unterbringungswechseln (ZEMIS-Daten seit 2015)
Modul 2: Interviews mit rund 30 Akteur:innen des Asylwesens zu Entscheidungslogiken und Praxis der Transfers
Modul 3: Befragung und Begleitung von 60 betroffenen jungen Menschen zu ihren Erfahrungen und ihrer heutigen Lebenssituation
Die Studie fragt, wie Transfers Bildungswege, Integration und Wohlbefinden beeinflussen – auch im Licht der Integrationsagenda Schweiz. Ziel ist ein empirisch fundierter, praxisorientierter Leitfaden für eine kindgerechtere Asylpraxis in der Schweiz.
Die Studie wird von der Palatin Stiftung und dem Staatssekretariat für Migration finanziert und an der Berner Fachhochschule und der Universität Luzern unter der Leitung von Clara Bombach umgesetzt.
Wissenschaftskommunikation (2026-2028)
Illustrationen und Ausstellungen
Anna-Lea Guarisco und Milan Hofstetter illustrieren die Ergebnisse von “Warten auf Transfer” in kindgerechter Form, um die Lebensrealität asylsuchender und kollektiv untergebrachter Kinder verständlich und emotional zugänglich zu machen. Ziel ist es, Bewusstsein zu schaffen, Veränderungen anzustossen und den betroffenen Kindern mehr Sichtbarkeit zu geben. Die Illustrationen werden 2027 in einer frei zugänglichen Broschüre online publiziert und Kindermuseum Baden und der Stadtbibliothek Aarau gezeigt. Anschliessend startet die Wanderausstellung ihre Tour durch die Schweiz.
Empfehlungen für die Praxis (laufend)
Unterstützung bei der Entwicklung von Standards und Empfehlungen
Verschiedene Praxisorganisationen und NGOs engagieren sich für die Umsetzung der UN Kinderrechtskonvention und die bedürfnis- und altersgerechte Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in der Kollektivunterbringung. Auf Grundlage der Ergebnisse von “Warten auf Transfer” wird die Entwicklung von Leitfäden, Empfehlungen und Standards unterstützt.
Vorwort zur Publikation Schutzsuchende Kinder in Kollektivunterkünften von Save the Children, UNICEF, Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) und UNHCR
Machbarkeitsstudie (2025-2026)